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Masken vs Identität: Wer wir sind – zwischen Nutzen und Vergangenheit


Ein Mann blickt nachdenklich auf eine rot-weiße Maske, die er in den Händen hält – Symbol für innere Identität und bewusste Selbsterforschung.

Du bist nicht, was dir passiert ist – sondern was du daraus machst. Dieser Satz, halb Eingebung, halb Versprechen, berührt etwas zutiefst Menschliches. Er erinnert daran, dass unsere Identität weder eine bloße Summe vergangener Erlebnisse noch eine Fassade ist, die wir heute bewusst aufbauen.

Identität ist ein lebendiger Fluss – zwischen Erinnerung und Entscheidung, zwischen dem, was uns geformt hat, und dem, was wir bereit sind zu verkörpern.


In der Bodymind-Arbeit wird dieser Gedanke spürbar. Er zeigt sich im angehaltenen Atem, in einem Brustkorb, der sich weitet, in Füßen, die den Boden nicht fühlen.

Genau dort begegnen wir zwei zentralen Aspekten unseres Selbst: der bewussten Maske, die wir tragen, um der Gegenwart zu begegnen,und der unbewussten Maske, die sich geformt hat, weil sie uns in der Vergangenheit geschützt hat.

 

Die bewusste Maske: das, was jetzt notwendig ist


Diese Maske ist kein Täuschungsmanöver. Sie ist eine Form der Selbstregulation, oft eine Wahl – selbst dann, wenn sie nicht vollständig bewusst ist. Sie hilft uns, im Hier und Jetzt zu bestehen, mit anderen in Beziehung zu treten, klar und präsent zu handeln.


Im Alltag erkennen wir sie schnell: Es ist die aufrechte Haltung, wenn wir stark wirken wollen, das kontrollierte Lächeln, wenn wir innerlich nervös sind, die ruhige Stimme, obwohl wir Zweifel spüren.


Die US-amerikanische Philosophin Judith Butler hat diesen Gedanken mit ihrem Konzept der Performativität geprägt. In ihrem Werk Gender Trouble beschreibt sie Identität nicht als etwas, das man ist, sondern als etwas, das durch wiederholte Handlungen entsteht. Wir sind nicht ein festes Ich – wir werden durch das, was wir tun.


Erving Goffman, ein kanadischer Soziologe, hat das soziale Leben als eine Abfolge von Theaterbühnen beschrieben. In seinem Modell agieren Menschen je nach Kontext unterschiedlich: im „Frontstage“ zeigen wir eine Rolle, im „Backstage“ lassen wir los. Diese Rollen sind keine Lügen – sie sind Überlebenskunst.


Auch der Emotionsforscher Paul Ekman, einer der führenden Psychologen im Bereich nonverbale Kommunikation, zeigte, dass jede Kultur unbewusste Regeln dafür entwickelt, wie Emotionen gezeigt oder unterdrückt werden. Diese sogenannten Display Rules formen unsere bewusste Maske.


In der Bodymind-Therapie begegnen wir dieser Maske auf körperlicher Ebene: in angespannten Muskeln, aufrechter Haltung, funktionalen Bewegungsmustern. Sie schützt, sie hilft – doch wenn wir sie nur noch automatisch tragen, entfernt sie uns vom lebendigen Erleben.


Bewusstheit bedeutet hier nicht, sie abzulegen – sondern sie zu erkennen und gezielt einzusetzen.

 

Die unbewusste Maske: das, was damals funktioniert hat


Dann gibt es da eine andere Maske. Tiefer. Unsichtbarer. Und vielleicht noch wirkmächtiger. Es ist die Maske, die nicht gewählt wurde. Die sich gebildet hat, als es noch keine bewusste Wahl gab – sondern nur das Bedürfnis, zu überleben.


Diese Maske wird nicht getragen – sie wird. Sie zeigt sich nicht – sie lebt im Körper. Im angehaltenen Atem, der einst Sicherheit brachte. In den angehobenen Schultern, die Gefahr vorwegnahmen. Im automatischen Lächeln, das Ablehnung abwehren sollte.


Wilhelm Reich, Arzt und Psychoanalytiker, war einer der ersten, die erkannten: Der Körper erinnert. In seiner Theorie der Charakterpanzerung beschrieb er, wie psychische Schutzmechanismen sich in der Muskulatur ablagern. Unerlaubte Emotionen werden zu Spannungen, zu Haltungen, zu chronischer Abwehr.


Carl Gustav Jung, Begründer der Analytischen Psychologie, sprach von der Persona – jener sozialen Maske, die uns hilft, uns anzupassen. Bleibt sie unbewusst, wird sie leicht mit dem echten Ich verwechselt. Sie wird zur Haut, die wir nicht mehr als Maske erkennen.


In der Neurowissenschaft bietet Stephen Porges mit seiner Polyvagal-Theorie ein weiteres Verständnis: Unser autonomes Nervensystem speichert Beziehungserfahrungen. Es reagiert – oft unbewusst – mit Schutzmechanismen wie Erstarrung, Rückzug oder Überaktivierung. Auch dann, wenn die reale Bedrohung längst vorbei ist.


Dan McAdams, ein Psychologe der Persönlichkeitsforschung, zeigte, dass wir unser Leben als Erzählung begreifen. Doch wenn diese Erzählung auf alten Verletzungen, auf Überlebensmustern basiert, dann wird unser inneres Skript zum wiederholten Schicksal. Wir leben, was damals funktioniert hat – nicht, was heute lebendig wäre.


In der Bodymind-Arbeit zeigt sich diese unbewusste Maske durch Haltungen, Bewegungen, Atemmuster, die älter sind als unser erwachsenes Selbst. Hier beginnt das Zuhören. Nicht mit dem Verstand, sondern durch den Körper.

 

Wo sich beide Masken begegnen, entsteht ein verkörperter Raum der Wahl


Die bewusste Maske ist das, was jetzt dient.Die unbewusste Maske ist das, was damals überleben ließ.Freiheit entsteht, wenn wir beide erkennen, beide würdigen – und neu wählen können.


In der Bodymind-Therapie geht es nicht darum, alle Masken abzulegen, um ein wahres Selbst freizulegen. Es geht darum, sich selbst wählbar zu machen. Die Freiheit liegt nicht in der Nacktheit der Identität – sondern in der verkörperten Bewusstheit, mit der wir unsere Formen gestalten.


Wenn wir durch den Körper spüren, atmen, uns erden, dann wird es möglich zu unterscheiden: Was davon bin ich heute? Und was ist ein Echo einer Geschichte, die noch darauf wartet, gehört zu werden?


Zwischen diesen beiden Polen – dem Ich, das funktioniert, und dem Ich, das sich geschützt hat – kann etwas Neues entstehen. Etwas, das nicht nur gebaut oder geerbt ist. Etwas Lebendiges.

 


Literatur und Quellen


Judith Butler – Gender Trouble (1990): US-amerikanische Philosophin, Begründerin der Performativitätstheorie. Sie beschreibt Identität als ein Ergebnis wiederholter Handlungen, nicht als fixe Substanz.

Erving Goffman – The Presentation of Self in Everyday Life (1959): Kanadischer Soziologe, der die Dynamik sozialer Rollen und „Bühnen“ im Alltag erforschte.

Paul Ekman – Emotion in the Human Face (1972): Psychologe und Pionier der Forschung zu Gesichtsausdrücken und kulturellen Regeln emotionaler Kommunikation.

Wilhelm Reich – Charakteranalyse (1933): Psychoanalytiker und Körpertherapeut, der die Theorie der muskulären Panzerung als Schutzmechanismus entwickelte.

Carl Gustav Jung – Zwei Schriften über analytische Psychologie (1953): Begründer der Analytischen Psychologie; führte die Begriffe Persona, Schatten und Individuation ein.

Stephen Porges – The Polyvagal Theory (2011): Neurowissenschaftler, der das autonome Nervensystem als Grundlage von Bindung und Schutzreaktionen neu interpretierte.

Dan McAdams – The Redemptive Self (2006): Psychologe der Identitäts- und Lebensgeschichtenforschung; beschreibt, wie Menschen ihr Leben durch narrative Konstrukte gestalten.

 

 

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