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Was wir von der Generation Z lernen können

Ein junger Mensch hält eine schwarze One-Piece-Piratenflagge mit Strohhut-Totenkopf über dem Kopf, vor klarem blauem Himmel.

Am Anfang der Geschichte sitze einfach ich auf dem Sofa, neben mir mein 13-jähriges Kind, das darauf besteht, mir „diese wunderbare Serie“ zu zeigen – über einen anarchisch-gerechten Piraten mit großem Herzen und lächerlichem Hut. Ich bin überzeugt, dass ich gleich einen Cartoon für Teenager sehe, und finde mich stattdessen in einer Welt wieder, die von Idealen wie radikaler Freundschaft, anti-autoritäter Gerechtigkeit, Solidarität unter Außenseiter:innen und spontaner Gleichheit geprägt ist.

Ich sehe mein Kind lachen, sich berühren lassen, mitfiebern mit der Crew der Rebell:innen, die gegen korrupte Imperien und ungerechte Systeme kämpfen, und mir wird klar, dass diese Generation mit neuen Werten aufwächst: natürliche Inklusion, Ablehnung starrer Hierarchien, Bewusstsein für globale Zusammenhänge und eine überraschend fein ausgeprägte emotionale und soziale Kompetenz.


Einige Wochen später scrolle ich durch die sozialen Medien und sehe es wieder – nicht mehr auf dem Bildschirm meines Wohnzimmers, sondern in Protesten in Indonesien, in Studierendenstreiks in Europa, in digitalen Demonstrationen in Südkorea und Lateinamerika. Immer dasselbe Symbol: der Jolly Roger mit Strohhut.

Ich forsche nach und verstehe: Die Generation Z spielt nicht Pirat:innen. Sie verkörpert ein globales Archetypus der gerechten Rebellion. Und sie tut es mit erstaunlicher Klarheit: keine selbstzerstörerischen Auswüchse wie bei Teilen von ’68, keine Flucht in Heroin, keine bewaffneten Versuchungen wie RAF oder Brigate Rosse. Eine Rebellion, ja – aber eine Rebellion, die auf Transformation ausgerichtet ist, nicht auf Zerstörung.


Wer ist die Generation Z? Eine klare und aktuelle Definition


Wenn wir von Generation Z sprechen, meinen wir Menschen, die zwischen Mitte der 1990er und Anfang der 2010er Jahre geboren wurden, also heute zwischen 14 und 28 Jahre alt sind. Es ist eine Generation, die von klein auf in der digitalen Welt aufgewachsen ist, ausgesetzt einer globalen Komplexität ohne historisches Vorbild und von Natur aus eingebunden in planetarische Bewegungen.


Ein besonders wichtiges Merkmal ist die Quarter-Life-Crisis, eine Phase zwischen 20 und 25, in der sozialer Druck, Prekarität und planetarisches Bewusstsein zusammenkommen und Desorientierung, Angst und ein dringendes Bedürfnis nach Authentizität auslösen.


Hinzu kommt ein tieferer Faktor: Das Gefühl der Sinnlosigkeit entsteht oft, weil die geerbten Werte – die traditionellen Werte von Konformismus, erzwungener Stabilität, starren Rollen oder die materialistisch-individualistischen Werte von Erfolg, Produktivität und Leistung – nicht mehr zur emotionalen und kognitiven Struktur der Generation Z passen.


Es sind die Werte der Väter, historisch verständlich, aber im heutigen globalen Kontext wirkungslos oder sogar belastend. Junge Menschen erleben sie wie viel zu enge Kleidung: Lebensweisen, die das Atmen nicht mehr zulassen und deshalb innere Leere erzeugen.

Wird diese Krise reif begleitet, wird sie zu einer mächtigen evolutionären Kraft; bleibt sie unbeachtet, droht sie sich in Wut oder Nihilismus zu verwandeln.



Gebrauch des Symbols, Ursprung und Kontexte


Das Pirat:innensymbol aus One Piece hat sich als universelle Sprache etabliert: Wir sehen es in Mobilisierungen gegen Korruption, in Anti-Zensur-Kampagnen, in Studierendenstreiks und Klimaprotesten.


Es ist ein gewaltfreies Symbol, sofort erkennbar und an keine nationale Ideologie gebunden – eine echte transnationale „politische Meme“.


Gleichzeitig variiert seine Bedeutung von Land zu Land: In manchen Kontexten betrachten Behörden es als provokativ oder „gegen die nationale Einheit“, wie auch der Guardian berichtet.


Seine popkulturelle Natur erzeugt einen doppelten Effekt:


  • Einerseits öffnet sie den Raum für eine emotionale und inklusive politische Identität

  • Andererseits kann sie die Botschaft weniger klar machen, fast schwebend zwischen einer Forderung nach Veränderung, die nicht immer vollständig ausformuliert ist


Doch gerade diese Unschärfe verhindert, dass das Symbol von alten Ideologien oder veralteten Parteien vereinnahmt wird.


Das gegenteilige Risiko besteht darin, dass es ausgehöhlt und zu bloßem Design wird; aber genau diese globale Ästhetik ermöglicht es der Generation Z, sich in einer gemeinsamen, zugänglichen Sprache wiederzuerkennen.



Transkulturelle Kompetenzen und ihre Bedeutung für das Überleben


Die Generation Z beherrscht eine Schlüsselkompetenz: transkulturelles Denken.

Sie bewegt sich zwischen unterschiedlichen kulturellen Codes, versteht die Logik komplexer Systeme und verwendet globale Symbole, um Ideen auszudrücken, die nationale Grenzen überschreiten.


In einer Welt, in der Klimakrisen, Migrationen, KI, Pandemien und Wirtschaft intrinsisch globale Phänomene sind, wird diese Fähigkeit zu einer Überlebensnotwendigkeit.


Der Jolly Roger wird zu einer planetarischen Flagge der Empathie – eine Art zu sagen: „Wir gehören zusammen, auch wenn wir aus verschiedenen Welten kommen.“



Psychologische Ebene: der Pirat als gerechter Rebell


Im Bodymind-Modell repräsentiert der Pirat-Rebell den ethischen Rebell, jemand, der Ungerechtigkeit im Körper spürt und sie in bewusste Handlung verwandelt.


Für die Generation Z taucht diese Figur mitten in der Quarter-Life-Crisis auf, wo die Sinnsuche und die Enttäuschung über die Werte der Väter ein Bedürfnis nach radikaler Authentizität erzeugen.


Für Erwachsene hingegen taucht der innere Pirat in der Mid-Life-Crisis wieder auf – dem Moment, in dem viele plötzlich erkennen, dass die Werte, mit denen sie ihr Leben aufgebaut haben – Effizienz, Karriere, Wettbewerb, „du musst durchhalten“, „das Glück kommt später“ – keine Zufriedenheit mehr garantieren, sondern sie sogar untergraben.


Aus Bodymind-Perspektive ist die Mid-Life-Crisis keine Regression, sondern ein evolutionärer Prozess, der die Unzulänglichkeit früherer Werte entlarvt und dazu einlädt, Authentizität und Kreativität wiederherzustellen.



Soziologisch-geopolitische Ebene und Integration des Archetyps


Soziologisch ist der Pirat-Rebell das Symbol für vernetzte, dezentralisierte Bewegungen und eine planetarische Ethik jenseits von Nationalismus und abgeschlossenen Ideologien.


Die Generation Z zu unterstützen bedeutet nicht, sie oberflächlich zu imitieren, sondern regulierte Erwachsene zu sein, die:


  • Halt bieten

  • Vision geben

  • Struktur halten


Das Risiko eines „toxischen Grüns“ ist die Auflösung von Grenzen – die kindliche Version der Inklusion.


Die Aufgabe der Erwachsenen ist es, diese Entwicklung zu begleiten, ohne sie zu ersticken.



Der Übergang von materialistisch-individualistischen zu humanistisch-egalitären Werten


Das Herz des Wandels liegt im Übergang von den materialistisch-individualistischen Werten des Orange – Erfolg, Leistung, Rationalität – zu den humanistisch-egalitären Werten des Grün – Empathie, Inklusion, Nachhaltigkeit.


Ken Wilbers Integrale Theorie beschreibt dieses Prozess als Bewusstseinsentwicklung, eine Bewegung von modernen zu postmodernen Modellen.


Die Generation Z ist die erste Generation, die diesen Sprung vollständig erlebt – emotional, intellektuell und politisch.


Sie spürt am eigenen Körper, wie unzureichend die Werte der Vergangenheit geworden sind, um der Gegenwart Bedeutung zu geben.



Bodymind: der Pirat-Rebell als weiterentwickelte Variation des Narrens


In der Bodymind-Sprache ist der Pirat-Rebell eine weiterentwickelte Form des positiven Narrens, der Heuchelei entlarvt, Dogmen lächerlich macht und das befreit, was gefangen war.


Bei jungen Menschen zeigt er sich als kreative Rebellion;

in der Quarter-Life-Crisis wird er zur Identitätssuche;

bei reifen Erwachsenen, wenn die Mid-Life-Crisis die nicht gehaltenen Versprechen geerbter Werte offenlegt, kehrt der Narr als Fähigkeit zur tiefen Erneuerung zurück.


Der Pirat-Narr der Generation Z ist somit die evolutionäre Form des Grün: kooperativ, relational und anti-autoritär.


Und dass sein planetarisches Symbol ein Pirat ist, erinnert uns daran, dass wahre Entwicklung nicht darin besteht, die Welt zu zerstören, sondern sie von innen heraus zu verwandeln – mit Kreativität, Ironie und planetarem Bewusstsein.

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