Der innere Richter: Wie sich unser moralisches Bewusstsein entwickelt
- Enrico Fonte

- 19. Sept.
- 5 Min. Lesezeit

Fast alle Menschen hören, wenn sie eine wichtige Entscheidung treffen müssen, eine innere Stimme. Manchmal ist es ein Flüstern, das sagt: „Das ist nicht richtig“, manchmal ein Schrei, der anklagt: „Du hast einen Fehler gemacht, du musst es besser machen“.
Diese Stimme kommt nicht aus dem Nichts: Sie ist unser innerer Richter, ein Teil von uns, der unser Verhalten bewertet und entscheidet, ob es „richtig“ oder „falsch“ ist.
In der Psychologie nennt man diese Stimme das Über-Ich. In der Body-Mind Therapy wird das Über-Ich jedoch nicht nur als mentales Konzept gesehen, sondern als etwas, das im Körper lebt: Man kann es in angespannten Muskeln spüren, in blockierter Atmung und in einer Haltung, die eine gewisse Steifheit annimmt. Es ist das Ergebnis gelebter Erfahrungen, verinnerlichter Regeln und bedeutender Beziehungen in unserem Leben.
Diese „Stimme“ ist nicht immer dieselbe. Sie verändert sich mit uns. Sie kann als harte, strafende Autorität beginnen, die uns mit Angst oder Schuldgefühlen kontrolliert, und sich im Laufe der Zeit zu einer weisen und mitfühlenden Führung entwickeln.
Mit anderen Worten: Unser Verständnis von Gut und Böse entwickelt sich, von einfachen und starren Formen hin zu komplexeren, die verschiedene Perspektiven einbeziehen können.
Warum sich die Body-Mind Therapy mit dem inneren Richter befasst
Das Ziel ist nicht, ihn „zum Schweigen zu bringen“, sondern zu verstehen, woher er kommt und wie er entstanden ist. Jede Version des inneren Richters ist mit einer Lebensphase und einer spezifischen Art verknüpft, wie wir uns selbst schützen.
Die therapeutische Arbeit dient dazu, ihn zu transformieren: von einer Stimme, die bestraft und einschränkt, zu einer inneren Führung, die unterstützt und orientiert.
Die sieben Entwicklungsstufen des inneren Richters
In der Body-Mind Therapy entwickelt sich der innere Richter durch sieben Stufen. Jede steht für eine andere Art, über Gut und Böse zu denken, für ein anderes Maß an Komplexität und Offenheit gegenüber anderen.
Diese Sichtweise orientiert sich auch an den Studien von Lawrence Kohlberg, der beschrieben hat, wie sich die menschliche Moralität von einfachen zu immer komplexeren Formen entwickelt.
Jede Stufe hat einen beurteilenden Teil (den inneren Richter) und einen beurteilten Teil (den Teil von uns, der unter diesem Urteil steht, darauf reagiert oder mit ihm im Dialog ist).
Beurteilender Teil: das Alpha-Tier – Angstbasiertes Über-Ich
Beurteilter Teil: das innere Tier
(Kohlberg: präkonventionelle Moral, Stufe 1 – Gehorsam zur Vermeidung von Strafe)
Der innere Richter handelt wie ein Rudelführer, der seinen Willen mit Macht durchsetzt. Man gehorcht, um Strafen oder Schaden zu vermeiden. Der Körper ist in ständiger Alarmbereitschaft: Schultern angespannt, flache Atmung, Muskeln sprungbereit.
Beispiel: Ein Kind nimmt keinen Keks, weil es Angst hat, von der erwachsenen Person ausgeschimpft zu werden.
Beurteilender Teil: die inneren Eltern – Über-Ich der affektiven Schuld
Beurteilter Teil: das innere Kind
(Kohlberg: präkonventionelle Moral, Stufe 2 – Handeln aus Eigeninteresse und zur Bindungserhaltung)
Die Angst gilt hier nicht mehr einer körperlichen Strafe, sondern dem Verlust von Zuneigung. Man ist „brav“, um geliebte Menschen nicht zu enttäuschen oder Zurückweisung zu vermeiden. Körperlich kann sich dies in einem geschlossenen Brustkorb und angehaltenem Atem zeigen – als Schutz vor möglichem Verlust.
Beispiel: Jemand tut einem anderen einen Gefallen nur, um nicht aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden.
Beurteilender Teil: der äußere Richter – Über-Ich der sozialen Norm
Beurteilter Teil: der/die Held:in/Soldat:
(Kohlberg: konventionelle Moral, Stufe 3 – Wunsch, als „guter Mensch“ zu gelten)
Die innere Stimme spiegelt hier gesellschaftliche Regeln wider. „Man macht das so, weil es die anderen wollen“ wird zum Leitsatz. Der Körper bewegt sich kontrolliert, vermeidet Gesten, die als unangemessen wahrgenommen werden könnten.
Beispiel: Ein Ritual einhalten, nur weil „es Tradition ist“, auch wenn man nicht wirklich daran glaubt.
Beurteilender Teil: der innere Richter – Traditionelles Über-Ich
Beurteilter Teil: der/die Souverän:
(Kohlberg: konventionelle Moral, Stufe 4 – Respekt vor Gesetz und gesellschaftlicher Ordnung)
In dieser Stufe sind die Regeln verinnerlicht. Sie werden nicht mehr völlig automatisch befolgt, aber dennoch als Wille eines allmächtigen und allwissenden Gottes gesehen, der sie geschaffen und in einem heiligen Buch (Bibel, Koran, Bhagavad Gita usw.) niedergeschrieben hat. Der Körper ist offener, auch wenn Spannungen durch Verantwortungsgefühl bestehen bleiben können.
Beispiel: Erkennen, dass ein Gesetz ungerecht ist, es aber dennoch befolgen, weil es „Gottes Wille“ ist.
Beurteilender Teil: der Erfolgsmanager – Performatives Über-Ich
Beurteilter Teil: der/die Athlet:in/Champion
(Kohlberg: frühe postkonventionelle Moral – Gesellschaftsvertrag)
Ethik ist hier mit dem Konzept „Leistung erbringen“ und „Ergebnisse erzielen“ verknüpft. Moralisch gilt man als wertvoll, wenn man Ziele erreicht. Der Körper wirkt energisch, steht jedoch unter konstantem Druck.
Beispiel: Sich für einen „guten Menschen“ halten, weil man im Beruf oder Sport hervorragend abschneidet.
Beurteilender Teil: der ideologische Richter – Ethisches Über-Ich
Beurteilter Teil: der/die revolutionäre Narr:in
(Kohlberg: fortgeschrittene postkonventionelle Moral – universelle Rechte)
Die innere Stimme wird hier von Idealen getragen: Gerechtigkeit, Freiheit, Rechte. Diese Stufe ist reif, kann jedoch vom körperlichen und zwischenmenschlichen Erleben entkoppelt bleiben. Das Risiko: Werte verkünden, ohne sie zu verkörpern – eine Lücke zwischen Reden und Handeln entsteht.
Beispiel: Die Redefreiheit verteidigen, aber Menschen mit anderen Meinungen ausschließen.
Beurteilender Teil: der/die wahre innere Meister:in – Integriertes Über-Ich
Beurteilter Teil: der/die weise Älteste
(Kohlberg: postkonventionelle Moral – universelle ethische Prinzipien)
Der innere Richter bestraft nicht mehr, sondern orientiert. Entscheidungen entstehen aus einer tiefen Kohärenz, die im Körper als Ruhe und Offenheit spürbar ist. Gut und Böse sind keine auferlegten Regeln mehr, sondern verkörperte Erfahrungen.
Beispiel: Zum Wohl aller handeln, auch wenn es persönliche Opfer erfordert.
Der Weg in der Body-Mind Therapy
In der Therapie geht es nicht darum, den inneren Richter zu löschen, sondern ihn in seiner Entwicklung zu begleiten. Wenn er zu einem „wahren inneren Meister“ wird, handelt man aus Integrität – nicht aus Angst oder dem Bedürfnis nach Zustimmung, sondern aus einem authentischen Gefühl von Verbindung und Respekt. Dies ist ein langer und anspruchsvoller Prozess, der ein Leben lang dauern kann.
In der Zwischenzeit kann man Schuldgefühle mit einem Reality-Check angehen – anhand der 3 grundlegenden moralischen und ethischen Regeln nach Enrico und dem Korollar zu den Grenzen der Zustimmung.
Beurteilender Teil: die grundlegenden moralischen und ethischen Regeln
Beurteilter Teil: unser Gewissen in Prüfung
Füge ich mir selbst Schaden zu? Respekt vor der eigenen körperlichen, psychischen, emotionalen und sozialen Integrität. Selbstschädigung – auch getarnt als Gefallen, Anpassung oder erzwungene Unterordnung – schwächt das Selbstwertgefühl.
Füge ich einer anderen Person Schaden zu?
Beziehungen sind ein heiliger Raum: Zustimmung muss frei, informiert, widerrufbar und unbeeinflusst sein. Moralischer Schaden entsteht oft nicht durch die Handlung selbst, sondern durch mangelnden Respekt vor der Subjektivität der anderen Person.
Füge ich der Umwelt Schaden zu?
Die Umwelt ist Teil unseres kollektiven Körpers. Sie zu schädigen, zerstört die Verbindung zur verkörperten Realität, führt zu Entfremdung und Sinnverlust.
Korollar: Wenn du und die andere Person nicht frei und bewusst zustimmen könnt, euch gegenseitig Schaden zuzufügen, ist die Handlung ethisch nicht zulässig. Das umfasst Extremsportarten, riskante einvernehmliche sexuelle Praktiken und gefährliche darstellende Künste.
Dieses Korollar hebt die drei vorherigen Regeln nicht auf: Die Umwelt kann nicht „zustimmen“, Minderjährige und Tiere können die Folgen nicht verstehen, und Zustimmung ist in veränderten Bewusstseinszuständen (Schlaf, Alkohol, Drogen) nicht gültig.
Abschließender Gedanke:
Wenn der beurteilende und der beurteilte Teil lernen, miteinander zu sprechen, verwandelt sich der innere Richter vom Kerkermeister zur Führung und zum Schutz – und Moral wird zu einem lebendigen Weg hin zu innerer Freiheit und der Verwirklichung höherer Ideale.



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