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Hochsensibel? Ursachen, Mythen und Abhilfe

  • vor 16 Stunden
  • 9 Min. Lesezeit
Junge Frau steht in einer belebten, unscharfen Menschenmenge und hält sich mit geschlossenen Augen die Hände an die Schläfen, als Zeichen von Reizüberflutung und sensorischem Overload in einer lauten, urbanen Umgebung.

Die evolutionäre Funktion des Wachttiers in der Gruppe


In einem Rudel, einem Clan, einer kleinen Gemeinschaft überlebte nicht „der:die Stärkste“, sondern die Gruppe, die früher wahrnahm.

In diesem Szenario hatte das hypersensible Tier eine klare Funktion: Mikro-Signale zu registrieren, die andere übersehen, etwa eine minimale Tonveränderung, ein Rascheln „aus dem Takt“, ein Licht, das zu starr wirkt, ein neuer Geruch, eine kaum spürbare soziale Spannung.

Wenn du zu spät reagiertest, konnte es teuer werden; wenn du zu früh reagiertest, alarmiertest du dich vielleicht unnötig, aber du bliebst am Leben. Das ist ein Grund, warum das menschliche Nervensystem so stark auf Hypervigilanz eingestellt ist: Die soziale und physische Umgebung war immer eine Sicherheitsfrage.

Auch heute aktivieren relationale Signale wie Zurückweisung, Kritik, anhaltende Blicke oder Ausschluss auf neurobiologischer Ebene Hirnnetzwerke, die sich teilweise mit denen körperlichen Schmerzes überlappen, als würde das Gehirn soziale Trennung wie ein konkretes Risiko behandeln.¹²


In Bodymind-Perspektive heißt das: Das „Tier“ ist nicht irrational, sondern ein hochentwickeltes Radar für Zugehörigkeit und Gefahr. Das Problem ist, dass die moderne Welt ein Wald aus dauerhaften, künstlichen Reizen ist, und dieses Radar findet fast nie eine echte Pause. Was in einem Dorf mit langsamen Rhythmen adaptiv war, wird in der Stadt, im Job, in den Öffis, in sozialen Medien, unter Dauerlicht, Dauerlärm und Daueranforderungen zu einem hohen Preis.


Es ist nicht immer Pathologie


Niedrige sensorische Schwellen sind nicht automatisch eine Störung. Oft ist es ein temperament- und neurobiologisch geprägtes Merkmal: Manche Menschen sind von Geburt an reaktiver, feiner „eingestellt“. Das kann sogar eine Ressource sein, weil es ästhetische Sensibilität, Empathie, Detailwahrnehmung, Vorsicht und soziale Intuition verstärkt.

Problematisch wird es, wenn die Intensität die Erholungsfähigkeit übersteigt, wenn die Exposition zu lange dauert oder wenn chronischer Stress und relationale Belastung dazukommen: Dann „fühlt“ das Nervensystem nicht besser, sondern es verteidigt sich zu häufig.


Ein praktisches Kriterium ist: Wenn deine Sensibilität das Leben reicher macht und trotzdem gut handhabbar bleibt, ist es eher ein Merkmal. Wenn sie dein Leben verengt (Schlaf, Arbeit, Beziehungen, Bewegungsfreiheit), ist es ein Signal, das ernst genommen und genauer verstanden werden sollte.


Wenn es ein Symptom in klinischen Bildern ist


Sensorische Hypersensibilität taucht häufig innerhalb bestimmter Zustände auf, aber mit unterschiedlichen Profilen. In Neurodivergenz kann sie ein stabiler Teil des Funktionsstils sein:


Bei ADHS und Autismus beschreiben viele Studien sensorische Besonderheiten über mehrere Domänen hinweg (Sensitivität, Vermeidung, aber auch Suche oder geringe Registrierung).³⁴

In stress- und traumabezogenen Zuständen kann sie als Hypervigilanz und „Filter“-Schwierigkeit erscheinen, besonders wenn der Körper lange in Alarm oder Freeze bleibt.

Bei chronischen Schmerzsyndromen, insbesondere Fibromyalgie, findet man häufig eine veränderte zentrale Verarbeitung von Schmerz und Reizen, oft beschrieben mit Konzepten wie zentraler Sensitivierung und nociplastischem Schmerz (Schmerz aus veränderter Nozizeption, der nicht vollständig durch Gewebeschaden oder klassische Neuropathie erklärbar ist).⁵⁶


Hier ist eine kritische Anmerkung wichtig: Diese Modelle erklären viel, aber sie schließen die Diskussion nicht ab. Bei Fibromyalgie gibt es beispielsweise auch alternative Hypothesen und periphere Beiträge (etwa Hinweise auf Small-Fiber-Befunde in bestimmten Subgruppen), und die Fachwelt diskutiert Mechanismen und Subtypen weiter.⁷

Das ist in Bodymind-Logik entscheidend: nicht alles auf „im Gehirn“ reduzieren, aber auch nicht auf „nur im Muskel“. Es ist ein System.


Arten von Hypersensibilität: Es ist nicht alles dasselbe


Hinter dem Wort „Hypersensibilität“ können unterschiedliche Mechanismen stecken.

  • Intensitätsproblem: Der Reiz kommt „zu stark“ an.

  • Unvorhersehbarkeit: Erträglich, wenn erwartbar, unerträglich, wenn plötzlich.

  • Dauer: Nicht dramatisch, aber es hört nicht auf und das System kippt in Overload.

  • Integration: Zu viele Kanäle gleichzeitig (Lärm plus Licht plus Gerüche plus Menschen) überlasten die Verarbeitung.

  • Mischform: Und oft ist es eine Kombination aus mehreren dieser Faktoren.



Welche Sinne betroffen sein können


Es kann einen oder mehrere Kanäle betreffen, und nicht unbedingt alle. Viele Menschen haben ein „Inselprofil“: Hypersensibilität in einigen Sinnen und gleichzeitig Hyposensibilität in anderen (zum Beispiel hohe Geräuschempfindlichkeit bei gleichzeitig geringer Wahrnehmung von Hunger oder Schmerz). Das ist in neurodivergenten Profilen häufig und wird auch in der Literatur zu sensorischen Verarbeitungsunterschieden beschrieben.⁴


Sinn für Sinn: Was passiert und wie du dich abschirmen kannst


Hören


Hypersensibles Hören leidet vor allem unter unvorhersehbaren, dauerhaften oder geschichteten Geräuschen (viele Quellen gleichzeitig).

Der Körper liest Sound als Eindringen: Muskeltonus steigt, Reizbarkeit nimmt zu, der Kopf sucht Fluchtwege. Die häufigste Abschirmung ist, die Intensität physisch zu senken (Ohrstöpsel, Geräuschschutz, Noise-Cancelling) und die Komplexität zu reduzieren, indem du Orte und Positionen wählst, die „ruhiger“ sind (Abstand zu Türen, Küchen, Verkehr).

Ein oft wirksamer Trick ist, Chaos durch einen stabilen, kontrollierbaren Klang zu ersetzen (White Noise, gleichmäßiger Sound), weil das System dadurch vorhersehbarer wird.

Der Bodymind-Kern hier ist die Pause: Nach einer lauten Umgebung braucht das Nervensystem Dekompression in Stille oder weichen Reizen, sonst sammelt es sich auf.


Die fünf häufigsten Lösungen in der Praxis sind:


  1. gefilterte Ohrstöpsel oder Geräuschschutz/Noise-Cancelling (passiv oder aktiv), um die Lautstärke zu senken, ohne komplett abzuschotten;

  2. Position und Distanz bewusst wählen (Rücken zur Wand, weg von Boxen, Türen, Küchen, Verkehr, eher „Ecken“ mit Vorhersehbarkeit);

  3. stabilen, kontrollierbaren Klang einsetzen (White Noise, Pink Noise, sehr gleichmäßige Musik leise), um Chaos in Vorhersehbarkeit zu verwandeln;

  4. Mikro-Dekompression einplanen (2–5 Minuten Stille, langsame Atmung, kurzer Gang) direkt nach Exposition;

  5. Schichtung reduzieren (ein Geräuschkanal zur Zeit: kein TV neben Gesprächen, Benachrichtigungen runter, Orte mit zu vielen gleichzeitigen Quellen vermeiden).


Sehen


Hypersensibles Sehen betrifft nicht nur grelles Licht: Häufig sind es Kontraste, Flimmern, ständige Bewegung im Sichtfeld oder visuell „überfüllte“ Räume.

Sich zu schützen bedeutet hier, Intensität und Komplexität zu senken. Lichtfilter, Gläser gegen Blendung oder Blaulicht, eine Kappe mit Schirm, warmes und diffuses Licht zu Hause, weniger visuelles Durcheinander am Arbeitsplatz sind typische Strategien.

Auch Mikro-Regulation hilft: Blickkontakt und Blickpausen abwechseln, die Augen für ein paar Sekunden schließen, auf einen stabilen Punkt schauen, reduziert Overload, ohne dich von der Welt zu isolieren.


Die fünf häufigsten Lösungen in der Praxis sind:


  1. Filter und Brillengläser (Anti-Blendung, Blaulichtfilter, leicht abschirmende Gläser, wenn hilfreich), um Intensität und Kontrast zu reduzieren;

  2. Schirmkappe oder passende Sonnenbrille in Blend-Situationen;

  3. weiches“ Licht zu Hause (warm, diffus, ohne Flimmern, weniger harte Neon/LED-Reize), um Ermüdung zu senken;

  4. visuelle Vereinfachung (weniger Unordnung im Blickfeld, aufgeräumte Screens, Dark Mode wenn hilfreich, weniger visuelle Reize im Büro);

  5. bewusste Sehpause (Augen kurz schließen, einen Fixpunkt nutzen, regelmäßige Mikro-Pausen bei Screens oder in Menschenmengen).


Tastsinn


Bei taktiler Hypersensibilität ist oft leichter, plötzlicher oder „unsicherer“ Kontakt das Problem (Streifen, Nähte, Etiketten, raue Materialien).

Schutz heißt: Tastsinn vorhersehbar und gewählt machen. Weiche Stoffe, bequeme Schnitte, entfernte Etiketten, „freundliche“ Oberflächen zu Hause und klare Grenzen im zwischenmenschlichen Kontakt.

Paradoxerweise tolerieren viele Menschen gleichmäßigen, tieferen Druck besser als leichte Berührungen: Deshalb können Gewichtsdecken oder weiches „Containment“ beruhigen, weil sie dem Körper ein stabiles Signal geben.


Die fünf häufigsten Lösungen in der Praxis sind:


  1. sichere“ Stoffe und Schnitte wählen (weich, atmungsaktiv, ohne scheuernde Nähte) und Etiketten entfernen;

  2. ein taktil freundliches Zuhause gestalten (Bettwäsche, Handtücher, Sitzflächen, Kontaktoberflächen, die das System nicht „kratzen“);

  3. klaren, gewählten Kontakt bevorzugen (gleichmäßiger Druck, weiches Containment, Selbstumarmung, Gewichtsdecke wenn verträglich) statt unklaren Streifens;

  4. Temperatur und Übergänge regulieren (Zwiebellook, keine abrupten Wechsel, lauwarme Dusche als „Reset“, wenn der Körper alarmiert ist);

  5. Grenzen im Berühren explizit machen (vorher ankündigen, Nein-Möglichkeit, Absprachen zu Dauer und Intensität).


Riechen und Schmecken


Hypersensibles Riechen und Schmecken kann Übelkeit, Kopfschmerz, Reizung und echten Fluchtimpuls auslösen.

Schutz ist hier vor allem umweltbezogen: starke Parfums und aggressive Reiniger reduzieren, gut gelüftete Räume bevorzugen, Orte mit „stehenden“ Gerüchen meiden.

Manche Menschen profitieren von einem sehr zarten, vertrauten „Sicherheitsgeruch“: nicht um alles zu überdecken, sondern um das System zu verankern, wenn ein Außenreiz invasiv wird.

Beim Schmecken ist die wirksamste Strategie, Texturen und Temperaturen zu respektieren: Zwang verschlimmert oft, sanfte Gradualität erweitert die Toleranzfenster.


Die fünf häufigsten Lösungen in der Praxis sind:


  1. starke Quellen reduzieren (Parfum, Räucherwerk, aggressive Deos/Reiniger) und neutrale Produkte wählen;

  2. Lüftung und „frische Luft“ (Fenster, Ventilator/Filter wenn hilfreich, beim Kochen Abzug/Querlüften), um Persistenz zu senken;

  3. situationsbezogener Schutz, wenn nötig (Maske, Schal, leichte Barriere in kritischen Orten), ohne daraus Dauerisolation zu machen;

  4. eine zarte, vertraute olfaktorische Ankerung (minimal, persönlich, nicht invasiv), wenn außen zu viel wird;

  5. beim Schmecken Texturen und Temperaturen respektieren und mit sanfter Gradualität arbeiten (gewählte Mikro-Expositionen ohne Druck), um Toleranz zu erweitern.


Vestibulärsinn


Der Vestibulärsinn betrifft Gleichgewicht und Bewegung: Auto, U-Bahn, Rolltreppen, Fahrgeschäfte, schnelle Kopfbewegungen. Wenn er sensibel ist, verliert der Körper Vertrauen in den Raum und Alarm steigt.

Praktischer Schutz heißt Stabilität schaffen: Plätze mit weniger Schwanken wählen, den Kopf langsamer bewegen, klare Stützpunkte haben, plötzliche Rotationen reduzieren.

Mit der Zeit kann graduelle, kontrollierte Exposition (sanfte, rhythmische, vorhersehbare Bewegung) das System trainieren, ohne es in Overload zu werfen.


Die fünf häufigsten Lösungen in der Praxis sind:


  1. den stabilsten Platz in Verkehrsmitteln wählen (nahe Fahrzeugmitte, sitzend, klare Haltepunkte, Bereiche mit starkem Schwanken meiden);

  2. dem Gehirn einen stabilen visuellen Referenzpunkt geben (Horizont oder Fixpunkt, weniger Scrollen/Lesen in Bewegung, wenn es triggert);

  3. Übergänge verlangsamen (langsamere Kopfbewegungen, Pausen zwischen Drehungen, keine abrupten Richtungswechsel, wenn du schon geladen bist);

  4. Basisregulation vor/währenddessen (leichte Mahlzeiten, genug trinken, frische Luft, kurzer Slow-Breath-Reset, wenn Alarm hochgeht);

  5. graduelle, vorhersehbare Exposition (rhythmisches Gehen, sanfte Gleichgewichtsübungen, ggf. angeleitete vestibuläre Übungen), um Vertrauen ohne Schock aufzubauen.


Propriozeption und Interozeption


Propriozeption ist der Sinn für den Körper im Raum; Interozeption ist der Sinn für innere Signale (Herz, Atmung, Hunger, Spannung, Übelkeit).

Hypersensibilität kann sich hier wie „zu viel Körper“ anfühlen: Herzschlag als Bedrohung, Bauch zu präsent, Spannungen werden zu Alarm.

Schutz bedeutet Stabilisierung und „Lesbarkeit“ der Signale, durch Rhythmus, langsame Atmung und klare Kontaktpunkte.

Bodymind ist hier zentral: Füße am Boden, Rückenauflage, tiefe Atmung und regelmäßige Schlaf- und Essroutinen reduzieren innere Variabilität, die das System als Gefahr interpretiert.

Die fünf häufigsten Lösungen in der Praxis sind:


  1. einfaches, wiederholbares Grounding (Füße am Boden, Gewicht verteilt, Rücken gestützt, Hände auf Bauch oder Brust als „sichere Basis“);

  2. langsame Atmung mit längerer Ausatmung (um Alarm zu senken und Signale weniger bedrohlich zu machen);

  3. stabiler propriozeptiver Input (sanfter Druck, leichte Isometrien, langsames Dehnen, „langsames“ Yoga/Pilates, wenn verträglich), um dem Körper klare Grenzen zu geben;

  4. Regelmäßigkeit bei Schlaf, Essen und Stimulanzien (Koffein, Zuckerschwankungen, Alkohol), weil innere Variabilität Alarm oft verstärkt;

  5. Signale als Information statt als Bedrohung verarbeiten, über sanftes Tracking (bemerken, benennen, normalisieren, Mikro-Pause vor Reaktion) und bei Bedarf angeleitete interozeptive Exposition.


Blicke: der soziale Sinn des Sehens


Blicke sind ein Sonderfall: visuell, aber zugleich relational. Ein direkter, langer Blick kann Exposition, Bewertung, Invasion aktivieren.

Evolutiv ist Blickkontakt ein Hochbedeutungssignal: Er kann Bedrohung, Begehren, Dominanz, Ausschluss oder schützende Aufmerksamkeit bedeuten. Deshalb kann Blick bei hypersensiblen Menschen schmerzhaft werden, nicht weil „etwas falsch“ ist, sondern weil das System ihn als vitale Information behandelt.¹²

Schutz heißt, Winkel und Dauer zu modulieren: leicht seitlich stehen oder sitzen, Blickkontakt und Blickpausen abwechseln, Positionen wählen, in denen du nicht „im Zentrum“ bist, und wenn möglich das Bedürfnis nach weniger visueller Intensität benennen.


Die fünf häufigsten Lösungen in der Praxis sind:


  1. Geometrien wählen, die Exposition senken (leicht schräg sitzen statt frontal, nicht im Raumzentrum, Rücken durch Wand/Ecke geschützt);

  2. Blickkontakt und Blickpausen abwechseln (zwischen die Augen schauen, kurz auf neutralen Punkt, zurückkommen, ohne „zu verschwinden“);

  3. Licht und Intensität modulieren (leicht abschirmende Brille wenn hilfreich, weniger grelle Settings, wenn du bereits geladen bist);

  4. das Bedürfnis benennen („Ich brauche Blickpausen, um besser zuzuhören“), um aus Risiko Kooperation zu machen;

  5. Kommunikationskontexte wählen, die leichter regulierbar sind (nebeneinander gehen, sprechen beim Tun, Settings, in denen Blick nicht dauerhaft Hauptkanal ist).


Praktische Lösungen: nicht vermeiden, sondern dosieren


Der beste Schutz ist nicht, ein steriles Leben zu bauen, sondern ein dosierbares. Das hypersensible Tier geht es gut, wenn es Intensität, Dauer und Erholung wählen kann.

Im Alltag bedeutet das: Mikro-Pausen planen, Dekompression nach Expositionen, einfache Tools (Kopfhörer, Filter, Stoffe, Routinen). Und es bedeutet, den relationalen Faktor ernst zu nehmen: Derselbe Lärm oder dasselbe Licht wiegt stärker, wenn du unter sozialem Stress stehst, weil das Nervensystem Lasten addiert.


Die persönliche Hypersensorialitätskarte


Ein sehr konkreter Bodymind-Schritt ist, eine Karte zu bauen. Keine Theorie über dich, sondern eine praktische Kartografie.

Nimm jeden Sinneskanal und beschreibe drei Dinge:

  1. Welche Reize aktivieren dich (Intensität, Unvorhersehbarkeit, Dauer, Kombinationen)

  2. Welche Körpersignale zuerst auftauchen (Kiefer, Magen, Atmung, Schultern, Reizbarkeit, mentales Wegdriften) und

  3. Welche Bedingungen dich schützen (Tageszeit, Distanz, Pausen, Tools, Menschen, mit denen du leichter regulierst).

Direkt danach erstellst du deine „Liste“ von Lösungen als echte Wahl:

  • fürs Hören welche Protektion wirklich funktioniert

  • fürs Sehen welche Filter oder welches Licht

  • fürs Tasten welche Materialien und welche Grenzen

  • fürs Riechen welche Umgebungen

  • fürs Vestibuläre welche Stabilitätsstrategien

  • für Interozeption welche Körperanker


Wenn diese Karte Stress reduziert und Freiheit erhöht, bewegst du dich in die richtige Richtung.

Wenn dagegen die Sensibilität schnell zunimmt, diffuse Schmerzen auftauchen, anhaltende Schlafstörungen entstehen, Overload-Krisen häufiger werden oder der Alltag deutlich schrumpft, ist eine klinische Abklärung sinnvoll: nicht um ein Merkmal zu „medicalisieren“, sondern um zu verstehen, ob ein größeres Bild vorliegt (Neurodivergenz, posttraumatischer Stress, nociplastischer Schmerz, Fibromyalgie oder andere Faktoren) und welche integrierten Interventionen die beste Evidenz haben.³⁵⁶

 



Notizen und Quellen


  1. Eisenberger NI. (2012). The neural bases of social pain: evidence for shared representations with physical pain. Nature Reviews Neuroscience. (PMC)

  2. Kross E, et al. (2011). Social rejection shares somatosensory representations with physical pain. PNAS.

  3. Jurek L, et al. (2025). Sensory Processing in Individuals With Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder (Meta-Analyse; Unterschiede in mehreren sensorischen Domänen inklusive Sensitivität). Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry (ScienceDirect).

  4. Patil O, et al. (2023). Sensory Processing Differences in Individuals With Autism Spectrum Disorder (Review; Gating und Modulation). Frontiers / PMC.

  5. International Association for the Study of Pain (IASP). (2017/Spätere Updates). Definition von nociplastischem Schmerz: „pain that arises from altered nociception…“. (PubMed)

  6. Boomershine CS. (2015). Fibromyalgia: the prototypical central sensitivity syndrome. Current Rheumatology Reviews. (PubMed)

  7. IASP (2023). Kritische Diskussion zu Fibromyalgie, zentraler Sensitivierung und alternativen Hypothesen (Debatte zu Mechanismen und Subtypen). (iasp-pain.org)


Bodymind-Notiz zur Kritik und Falsifizierbarkeit: Modelle wie „zentrale Sensitivierung/nociplastischer Schmerz“ und Beschreibungen sensorischer Atypien erklären viele klinische Muster gut, aber sie sagen nicht alles für jede:n voraus: Hypersensibilität ist heterogen, verändert sich mit Kontext und Belastung, und in manchen Zuständen (wie Fibromyalgie) können Mechanismen zwischen Subgruppen variieren. Wenn eine Erklärung deine praktischen Vorhersagen nicht verändert (was triggert dich, was beruhigt dich, was verbessert sich durch gezielte Intervention), dann gehört sie aktualisiert und nicht verteidigt.

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