Ist sexuelle Positivität gesund?
- Enrico Fonte

- vor 3 Tagen
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In den letzten Jahrzehnten ist sexuelle Positivität zu einem zentralen Begriff in kulturellen, therapeutischen und politischen Diskursen geworden. Sie wird häufig als Gegenbewegung zu Repression, Scham und den historisch belegten Schäden der Sexualverneinung verstanden.
Dennoch bleibt eine notwendige Frage offen: Ist sexuelle Positivität an sich bereits ein Zeichen von Gesundheit? Um diese Frage fundiert zu beantworten, lohnt es sich, den Weg von der Negation der Sexualität über die sexuelle Positivität bis hin zu ihren möglichen Extremformen nachzuzeichnen und dabei die körperlichen, psychischen und relationalen Folgen in den Blick zu nehmen.
Was sexuelle Verneinung wirklich bedeutet
Die Negation der Sexualität, also die Vorstellung, dass sexuelles Begehren und Lust kontrolliert, unterdrückt oder moralisch abgewertet werden müssten, hat tiefe anthropologische, soziologische und psychologische Wurzeln.
Anthropologisch diente sie der Kontrolle der Filiation, also der Sicherheit darüber, wer als Elternteil gilt, sowie der Erbfolge, also der Weitergabe von Besitz, Namen und sozialem Status.
Soziologisch stabilisierte sie Ordnung und Hierarchien, indem Körper reguliert wurden, um Machtverhältnisse und Rollenbilder aufrechtzuerhalten. Kulturell trennte sie den Körper vom moralischen Wert und verknüpfte sexuelles Begehren mit Schuld, Gefahr oder Kontrollverlust.
Psychologisch versprach sie eine Reduktion von Angst durch die Kontrolle von Impulsen und erzeugte die Illusion, dass weniger Begehren automatisch weniger inneren Konflikt bedeute.
Dieses Versprechen jedoch hat messbare gesundheitliche Kosten.
Repression und ihre Folgen für Körper und Psyche
Die klinische Psychologie zeigt, dass Repression, verstanden als ein automatischer und rigider Versuch, als inakzeptabel erlebte Emotionen und Impulse zu blockieren, sexuelles Begehren nicht beseitigt, sondern es über Verdrängung aus dem bewussten Erleben ausschließt.
Verdrängung bezeichnet dabei einen psychischen Mechanismus, durch den bedrohliche Inhalte aus dem Bewusstsein entfernt werden. Diese Inhalte verschwinden jedoch nicht, sondern kehren häufig in Form von Symptomen zurück, also als psychische oder körperliche Zeichen von Belastung.
Zeitgenössische Forschung zeigt, dass emotionale und sexuelle Inhibition mit einer chronischen Überaktivierung des sympathischen Nervensystems verbunden ist, jenes Teils des autonomen Nervensystems, der für Alarm- und Stressreaktionen zuständig ist.
Diese anhaltende Aktivierung geht mit erhöhten Cortisolspiegeln, dem zentralen Stresshormon, sowie mit einer verminderten Herzfrequenzvariabilität einher, einem Maß für die Anpassungsfähigkeit von Herz und Nervensystem an wechselnde Anforderungen.
Diese Marker sind mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko, systemischen Entzündungsprozessen, Schlafstörungen und einer erhöhten depressiven Vulnerabilität assoziiert.
Psychosomatische Beschwerden und sexuelle Symptome
Auf psychosomatischer Ebene, also in der Wechselwirkung zwischen Psyche und Körper, nehmen Spannungskopfschmerzen durch chronische Muskelanspannung, funktionelle Magen-Darm-Beschwerden, bei denen der Darm auf Stress reagiert, chronische Beckenschmerzen sowie verschiedene sexuelle Funktionsstörungen zu.
Die Studien von Masters und Johnson zeigten, dass sexualpädagogische Kontexte, die von Schuld, Schweige und Angst geprägt sind, die Häufigkeit folgender Störungen erhöhen:
Vaginismus (defensive, unwillkürliche Kontraktionen der Beckenbodenmuskulatur)
Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr)
Anorgasmie (anhaltende Schwierigkeiten, einen Orgasmus zu erreichen)
Psychogene erektile Dysfunktion (Erektionsstörungen durch Angst und Stress)
Diese Störungen stabilisieren häufig Angst-Vermeidungs-Kreisläufe, die die allgemeine Gesundheit langfristig weiter verschlechtern.
Sexuelle Positivität: Zwischen Integration und Idealisierung
Als Antwort auf diese Geschichte von Kontrolle und Verdrängung entwickelte sich die sexuelle Positivität, eine kulturelle und klinische Haltung, die sexuelles Begehren als vitale menschliche Funktion anerkennt und nicht als Fehler, der korrigiert werden müsste.
Empirische Befunde zeigen, dass Sexualität, wenn sie integriert gelebt wird, also in Verbindung mit Emotionen, Beziehung und persönlichen Werten, mit besserer Emotionsregulation, geringerem subjektivem Stresserleben und höherer Lebenszufriedenheit einhergeht.
Dennoch ist ein zentraler Disclaimer notwendig: Sexuelle Positivität ist für sich genommen kein verlässlicher Indikator für relationale Gesundheit, da weder Intensität noch Offenheit sexuellen Ausdrucks allein etwas über die Qualität der emotionalen Bindung aussagen.
Bindungsmuster und ihre Wirkung auf Sexualverhalten
Die Bindungsforschung, die sich mit dem psychobiologischen System beschäftigt, das Nähe, Sicherheit und Verbundenheit in intimen Beziehungen reguliert, verdeutlicht dies.
Unsicher-ängstlicher Bindungsstil
Dieser Stil ist durch eine ausgeprägte Angst vor Verlassenwerden und ein hohes Bedürfnis nach Rückversicherung gekennzeichnet ist, kann Sexualität als Strategie des Protests oder Festhaltens eingesetzt werden. In diesem Fall entsteht sexuelle Intimität nicht aus einer freien, lustorientierten Entscheidung, sondern dient der Reduktion von Trennungsangst.
Typische Merkmale:
erhöhte Eifersucht
relationale Hypervigilanz (ständige Wachsamkeit gegenüber Ablehnung oder Distanz)
starke emotionale Schwankungen
negative Auswirkungen auf Selbstwert und mentale Gesundheit
Vermeidender Bindungsstil
Hier wird Sexualität oft zum einzigen tolerierbaren Kontaktkanal werden: Der körperliche Kontakt ist möglich, während emotionale und romantische Nähe vermieden wird, um sich vor Abhängigkeit und Verletzlichkeit zu schützen.
Typische Begleitmuster:
affektive Dissoziation (Trennung von Körperempfinden und Emotion)
Mentalisierungsstörungen (eingeschränkte Fähigkeit, innere Zustände bei sich selbst und anderen wahrzunehmen)
Nutzung von Lust als schneller Stressregulator – ohne emotionale Einbindung
Studien zeigen, dass beide Muster mit einer ausgeprägten „sex-positiven“ Selbstbeschreibung und hoher sexueller Aktivität einhergehen können, während gleichzeitig ungünstige relationale und psychische Ergebnisse bestehen bleiben.
Hypersexualität und das Missverständnis von Freiheit
Am anderen Ende des Kontinuums befindet sich die klinische Hypersexualität, definiert als Störung mit zwanghaftem Sexualverhalten.
Dabei handelt es sich um ein Muster, bei dem intensive und wiederkehrende sexuelle Impulse nur schwer kontrollierbar sind und zu erheblichem Leiden oder funktionellen Einschränkungen führen. In diesem Kontext wird Sexualität repetitiv genutzt, um innere Zustände wie Leere, Scham oder Angst zu dämpfen.
Neurowissenschaftliche Befunde weisen auf eine Beteiligung der dopaminergen Belohnungskreisläufe hin, die Verhalten verstärken, das kurzfristig Lust oder Erleichterung verschafft, sowie auf eine verminderte Wirksamkeit präfrontaler Hirnareale, die für Impulskontrolle, Konsequenzenabwägung und bewusste Entscheidungsfindung zuständig sind.
Diese Konstellation geht mit erhöhter Impulsivität, einem gesteigerten Risiko für ungeschützte sexuelle Kontakte sowie einer erhöhten Prävalenz von Angst und Depression einher.
Klinisch findet sich häufig eine Vorgeschichte von Beziehungstraumata, also von Erfahrungen von Unsicherheit, Vernachlässigung oder Grenzverletzung in bedeutsamen Beziehungen, sowie unsicherer Bindung. Langfristig zeigen sich Belastungen des neuroendokrinen Gleichgewichts, das die Abstimmung zwischen Nervensystem und Hormonen reguliert, des Schlafes und der relationalen Stabilität.
Die Fachliteratur warnt ausdrücklich vor neuen Formen der Moralisierung: Hohe Libido und intensive Sexualität sind keine Pathologien an sich. Das entscheidende Kriterium zur Unterscheidung von Gesundheit und Leid ist die Agency, also die Fähigkeit, als handelndes Subjekt eigene Entscheidungen zu treffen, sexuelles Begehren zu modulieren, bewusst Ja oder Nein zu sagen und Sexualität ohne Kontrollverlust und ohne gesundheitliche Schäden zu leben.
Fazit: Integrierte Sexualität statt Ideologie
Zusammenfassend stellen Repression und Hypersexualität zwei gegensätzliche Ausdrucksformen derselben grundlegenden Dissoziation zwischen Körper, Emotion und Bewusstsein dar. Und der entscheidende Punkt bleibt: Auch sexuelle Positivität garantiert keine relationale Gesundheit, wenn sie nicht von einer ausreichend sicheren Bindung getragen wird.
Sexuelle Gesundheit entsteht dort, wo Begehren im Körper gespürt, durch das Nervensystem reguliert, bewusst gewählt und in eine emotionale Beziehung eingebettet ist, die Intimität, wechselseitige Abhängigkeit und Verletzlichkeit aushalten kann.
Auf die Ausgangsfrage lässt sich daher nur differenziert antworten: Sexuelle Positivität kann gesund sein, ist es aber nicht automatisch. Sie wird erst dann zu einer Ressource für körperliche und psychische Gesundheit, wenn sie weder eine Gegenreaktion auf Repression noch eine ideologische Maske für Unsicherheit, Angst oder emotionale Trennung darstellt.
Die entscheidende Größe ist nicht die Menge oder Offenheit gelebter Sexualität, sondern ihr Integrationsgrad in Emotionsregulation, Körperwahrnehmung und Bindungsqualität. In dieser Integration, nicht in der bloßen Haltung, liegt der eigentliche Gesundheitswert sexueller Positivität.
Zentrale Quellen:
Freud; Reich; Masters & Johnson; Foucault; Bancroft; WHO ICD-11; Kafka; Kleinplatz & Moser; Bowlby; Hazan & Shaver; Mikulincer & Shaver.
Kritische Anmerkung: Die beschriebenen Zusammenhänge sind robust, werden jedoch stets durch Kultur, Geschlecht und individuelle Lebensgeschichte moderiert; Sexualität ist nur dann ein verlässlicher Indikator, wenn sie gemeinsam mit Bindungsmustern und Emotionsregulation betrachtet wird.



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