Adoleszenz, die gute Mutter und der gute Vater
- Enrico Fonte

- vor 19 Stunden
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Adoleszenz ist die Phase, in der ein Mensch seine innere Landkarte neu zeichnet. Was früher selbstverständlich war – elterliche Autorität, Familienwerte, Zugehörigkeit über Anpassung – wird nun geprüft, entzaubert und oft auch provokativ infrage gestellt¹.
Für Eltern:teile fühlt sich das häufig wie Respektverlust an, ist jedoch ein notwendiger Entwicklungsschritt. Jugendliche brauchen eine eigene innere Autorität, und dafür muss äußere Autorität symbolisch an Macht verlieren².
Genau hier kollidieren zwei Kräfte: Würde und Macht. Würde will gesehen werden, ernst genommen werden und als Mensch gleichwürdig bleiben. Macht will Sicherheit, Ordnung und Verantwortlichkeit sichern und dient nicht selten auch der Regulation elterlicher Überforderung³.
Wenn in dieser Phase Sätze wie „Mein Haus, meine Regeln, mein Geld, meine Regeln“ zum Grundprinzip werden, kippt das Entwicklungsfeld schnell in ein Machtfeld. Zugehörigkeit und Versorgung werden an Gehorsam gekoppelt.
Kurzfristig kann Ruhe entstehen, weil Angst oder Abhängigkeit wirken. Langfristig jedoch entwickeln sich häufig Trotz, Heimlichkeit oder innere Abkehr, weil Autonomie nicht als Reifung möglich ist, sondern nur noch als Gegenmacht⁴.
Bodymind-Perspektive: die gute Mutterfigur und die gute Vaterfigur
Im Bodymind-Verständnis stehen „die gute Mutter“ und „der gute Vater“ nicht für Geschlecht, sondern für zwei innere Funktionen, die Jugendliche in der Adoleszenz dringend brauchen. Diese funktionale Sicht findet sich auch in bindungs- und entwicklungspsychologischen Modellen, in denen Fürsorge und Struktur als komplementäre Regulationssysteme beschrieben werden⁵.
Die gute Mutterfigur steht für Beziehungssicherheit. Sie hält Kontakt, wenn es emotional stürmisch wird. Sie reguliert mit, statt zu kontern, bietet Nähe ohne Vereinnahmung und bleibt präsent ohne Beschüche. Körperlich übersetzt bleibt sie weich im Kontakt, auch wenn Spannung entsteht. Die implizite Botschaft lautet: Deine Würde ist sicher, auch wenn dein Verhalten schwierig ist⁶.
Die gute Vaterfigur steht für Rahmen, Realität und Schutz. Sie markiert Risiken, benennt Grenzen und sorgt für Sicherheit und Legalität. Sie kann Nein sagen ohne Demütigung und Konsequenzen ziehen ohne Rache. Körperlich übersetzt bleibt sie aufrecht, klar und standfest. Die implizite Botschaft lautet: Ich übernehme Verantwortung für Sicherheit, und ich missbrauche meine Überlegenheit nicht⁷.
Adoleszente Konflikte eskalieren besonders dann, wenn eine dieser Funktionen fehlt. Ohne gute Mutterfunktion wird Korrektur als Liebesentzug erlebt. Ohne gute Vaterfunktion wird Freiheit als Gleichgültigkeit erlebt. Dann geht es nicht mehr primär um Regeln oder Verhalten, sondern um Bindungssicherheit und Würde⁸.
Jesper Juul im Kontext dieser Konflikte
Jesper Juul war ein dänischer Familientherapeut und Autor, international bekannt für eine beziehungsorientierte Pädagogik. Er gründete das familylab-Netzwerk und prägte Begriffe wie Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität und persönliche Verantwortung⁹.
Juul kritisierte autoritäre, strafbasierte Erziehung scharf, ohne permissiv zu sein. Sein Kernanliegen war, dass Erwachsene sichtbar, persönlich und verantwortlich bleiben, ohne die Würde von Kindern und Jugendlichen zu verletzen.
Juul verschiebt den Fokus von Kontrolle hin zu persönlicher Autorität. Er akzeptiert, dass Erwachsene mehr Macht haben, lehnt jedoch deren Nutzung als Machthebel ab. Sein oft zitierter Gedanke, Jugendliche bräuchten Eltern als Sparringpartner:innen, die maximalen Widerstand bieten und dabei minimalen Schaden anrichten, beschreibt präzise den Balanceakt zwischen guter Mutter- und guter Vaterfunktion¹⁰. Widerstand ist erlaubt, Kränkung nicht. Klarheit ist notwendig, Drohlogik zerstört Beziehung.
Für Juul sind Regeln eine primitive Form von Führung, wenn sie Beziehung ersetzen sollen. Er lehnt Sicherheit nicht ab, warnt jedoch davor, Sicherheit über Angst zu organisieren. Gesunde Grenzen entstehen dort, wo Erwachsene ihre eigenen Werte, Gefühle und Belastungsgrenzen vertreten, nicht dort, wo Macht ökonomisch oder hierarchisch begründet wird¹¹.
Thomas Gordon im Kontext dieser Konflikte
Thomas Gordon war ein US-amerikanischer Psychologe und Schüler von Carl Rogers. Er entwickelte das Gordon-Modell sowie Trainingsprogramme wie Parent Effectiveness Training, Teacher Effectiveness Training und Youth Effectiveness Training¹².
Sein Ansatz ist humanistisch, klar strukturiert und kommunikationspsychologisch fundiert. Gordon lehnte Strafe und Belohnung als Mittel der Verhaltenssteuerung ab, weil sie Kooperation durch Angst oder Anpassung ersetzen.
Gordon versteht adoleszente Machtkämpfe als Folge einer Win-lose-Logik. Wo Eltern gewinnen müssen, müssen Jugendliche verlieren – und umgekehrt. Seine Antwort ist die No-Lose-Konfliktlösung.
Grenzen werden nicht über Drohung gesetzt, sondern über Ich-Botschaften und Selbstverantwortung. Erwachsene benennen, was ein Verhalten mit ihnen macht, welche Bedürfnisse verletzt werden, und laden zur gemeinsamen Lösung ein¹³.
Für Gordon ist eine Grenze nur dann gesund, wenn sie keine versteckte Strafe ist. Viele sogenannte Konsequenzen sieht er kritisch, weil sie oft konstruiert werden, um Verhalten zu steuern. Das ist für ihn Macht im neuen Gewand. Gesunde Führung bedeutet Einfluss statt Machtausübung und Bedingungen zu schaffen, unter denen Jugendliche aus Rücksicht handeln können, nicht aus Angst¹⁴.
Grenzen, Regeln und Konsequenzen für Sicherheit, Familie und Legalität
Es gibt einen Bereich, in dem elterliche Führung nicht verhandelbar ist: dort, wo Leben, körperliche Unversehrtheit, Gewaltfreiheit und rechtliche Konsequenzen betroffen sind. Entwicklungs- und rechtspsychologische Studien zeigen, dass klare elterliche Verantwortung in diesen Bereichen Schutzfaktor und nicht Autonomiehemmnis ist¹⁵.
Sicherheitsregeln wirken dann, wenn sie als Schutzrahmen formuliert sind, nicht als Demütigung. Sie beziehen sich auf Risiko, nicht auf Charakter. Konsequenzen werden zu Schutzhandlungen.
Wenn Gewalt im Haus geschieht, wird getrennt, um Verletzungen zu verhindern. Wenn Substanzen gehandelt oder gelagert werden, wird eingegriffen, weil das gesamte System real und rechtlich gefährdet ist. Wenn jemand intoxikiert unterwegs ist, wird abgeholt oder externe Hilfe genutzt – nicht als Drohung, sondern als letzte Schutzinstanz¹⁶.
Der Unterschied zwischen Machthebel und gesunder Grenze liegt in Haltung und Sprache. Ein Machthebel sagt: Ich kontrolliere dich, weil ich kann. Eine gesunde Grenze sagt: Ich entscheide über mein Handeln, weil ich verantwortlich bin. Juul würde von persönlicher Autorität sprechen, Gordon von Einfluss statt Macht¹⁷.
Becky Kennedy im Kontext dieser Konflikte
Becky Kennedy ist eine US-amerikanische klinische Psychologin und Gründerin der Plattform Good Inside. Sie wurde bekannt für ihr Konzept der „sturdy leadership“, das klare Grenzen mit emotionaler Verbindung verbindet und Strafe, Drohung und Beschämung ablehnt¹⁸.
In der Praxis trennt sie klar zwischen verhandelbaren Alltagsregeln und nicht verhandelbaren Bereichen wie Sicherheit, Familie und Legalität. Grenzen werden als eigenes Handeln formuliert, nicht als Kontrolle über das Kind.
Konsequenzen sind vorhersehbare Schutzmaßnahmen, keine Strafen. Gefühle werden gehalten, ohne die Grenze aufzuweichen. So entsteht Führung ohne Machtkampf, was empirisch gut mit bindungssicheren Entwicklungsverläufen korrespondiert¹⁹.
Ein Bodymind-Vorschlag: Zusammenwohnen-Vertrag mit Jugendlichen
Voraussetzung für einen schriftlichen Zusammenwohnen-Vertrag zwischen Eltern und Jugendlichen sind ein regulierter Zustand, grundsätzliche Beziehungsbereitschaft auf beiden Seiten und die klare Anerkennung elterlicher Verantwortung für Sicherheit, Familie und Legalität. Der Vertrag ist kein Zwangsinstrument, sondern ein gemeinsam verstandener Rahmen, wie er auch in systemischer Familienarbeit und moderner Mediation eingesetzt wird²⁰.
Ein solcher Vertrag schafft Sicherheit und Beziehungsruhe, weil Bitten, Grenzen, Regeln und Konsequenzen vorher klar sind.
Bitten bedeuten echte Wahlfreiheit.
Grenzen beschreiben das eigene Handeln der Erwachsenen.
Regeln betreffen den gemeinsamen Alltag dort, wo Wahlfreiheit besteht.
Konsequenzen sind vorher vereinbarte Schutzmaßnahmen.
Der Rahmen wird enger, wenn Verantwortung fehlt, und öffnet sich wieder, wenn sie übernommen wird²¹.
Der Unterschied zwischen bösem und gutem Vater liegt in der Art der Macht. Der böse Vater nutzt Macht zur Kontrolle, Beschämung und Erzwingung von Gehorsam. Der gute Vater lebt eine liebevolle, natürliche Hierarchie. Seine Autorität dient Schutz und Orientierung, nicht dem Ego. So wird Hierarchie Halt statt Unterdrückung und Beziehung bleibt trotz Konflikt erhalten²².
Fußnoten und Quellen
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