Zurück im Jetzt – Warum Grounding so wichtig ist
Aktualisiert: 12. Okt.

Was ist Grounding in der Bodymind-Therapie – und warum ist es so wichtig?
In der Bodymind-Therapie ist Grounding nicht einfach eine Technik, sondern eine grundlegende Ich-Funktion. Sie beschreibt die Fähigkeit, sich körperlich, emotional und psychisch zu verankern und mit dem Boden, der Schwerkraft, sich selbst und der Umgebung in Beziehung zu bleiben.
Im Bodynamic-Modell zeigt sich Grounding durch die Koordination von Haltung, Muskeltonus, Atem und Bewegungsbereitschaft – und bildet damit eine zentrale Grundlage für Selbstregulation und Beziehungsfähigkeit.
Ist diese Funktion geschwächt, zeigen sich häufig Muster wie kollabierende Haltung, übermäßige Spannung im Oberkörper, eingeschränkte Atembewegung oder muskuläre Dissoziation – besonders in Füßen, Beinen und dem Beckenbereich.
In der therapeutischen Praxis wird gezielt über Haltung, Atem, Stimme und Bodenkontakt gearbeitet, um diese Funktion wieder erfahrbar zu machen. Grounding bedeutet dabei, sich wieder mit dem eigenen Körper, der Umgebung und dem gegenwärtigen Moment zu verbinden – ein körperbasierter Weg, um Sicherheit, Orientierung und Präsenz zu stärken.
Es hilft, das Nervensystem zu regulieren, innere Anteile in Kontakt zu bringen und Dissoziation oder Übererregung zu begegnen. In belastenden oder traumatischen Momenten kann Grounding eine Brücke zurück ins Jetzt sein – sanft, wirkungsvoll und stabilisierend.
Eine kurze wissenschaftliche Geschichte des Grounding-Konzepts
Das Konzept des Groundings hat seine Wurzeln in der Körperpsychotherapie, insbesondere bei Wilhelm Reich und später Alexander Lowen (Bioenergetik). Sie zeigten, dass emotionale Prozesse immer auch körperlich sichtbar sind – und dass die Verbindung zur Erde, zum Boden und zur Schwerkraft für Stabilität essenziell ist.
In den 1970er-Jahren wurde das Konzept weiterentwickelt, unter anderem im Bodynamic-System von Lisbeth Marcher und Kolleg*innen. Dort wurde Grounding als eine von sieben Ich-Funktionen definiert – verbunden mit spezifischen muskulären Entwicklungsphasen.
Spätere traumatherapeutische Ansätze wie Somatic Experiencing (Peter Levine), Sensorimotor Psychotherapy (Pat Ogden) und die Polyvagal-Theorie (Stephen Porges) erweiterten das Verständnis von Grounding nochmals. Sie zeigen auf, wie sensorische Wahrnehmung, Bewegung und soziale Verbindung das autonome Nervensystem regulieren.
Auch die Achtsamkeitsforschung – etwa durch Jon Kabat-Zinn – betont die zentrale Bedeutung der Verankerung im gegenwärtigen Moment.
Heute ist Grounding fester Bestandteil zahlreicher körperorientierter, psychotherapeutischer und pädagogischer Methoden und wird sowohl zur Stabilisierung bei Trauma und Stress als auch in Coaching, Selbstfürsorge und somatischer Begleitung genutzt.
Bist Du gerade „ungrounded“ oder dissoziiert? Drei hilfreiche Fragen
In stressreichen oder überwältigenden Situationen kann das eigene Erleben plötzlich verschwimmen. Gedanken rasen, der Körper wirkt fremd, Geräusche werden verzerrt wahrgenommen oder der Kontakt zur Umgebung reißt ab.
Das sind typische Zeichen für einen ungrounded Zustand.
Drei einfache Fragen helfen dabei, den eigenen Zustand besser zu erkennen:
Bin ich mir gerade meines Körpers bewusst?
Wenn Du nicht spürst, wie Deine Füße stehen oder ob Deine Schultern angespannt sind, könnte eine Entkopplung vom Körper vorliegen.
Wirken meine Gedanken wie ein Strudel oder Nebel?
Wenn alles durcheinanderwirbelt oder Du wie „neben Dir stehst“, fehlt oft die Verankerung im Jetzt.
Fällt es mir schwer, auf eine einfache Frage zu antworten oder Augenkontakt zu halten?
Orientierungsprobleme oder Rückzug aus dem Kontakt sind häufige Hinweise auf Dissoziation oder Übererregung.
Diese einfachen Selbstbeobachtungen können erste Schritte sein, um sich wieder zu zentrieren und Klarheit über den eigenen Zustand zu gewinnen.
In den Moment zurückfinden – mit der Bodymind Grounding High Five
Diese kurze Übung verbindet Achtsamkeit mit Berührung, sensorischer Wahrnehmung und einer körperlichen Geste. Sie ist einfach, direkt und kann überall angewendet werden – ob morgens zur Orientierung, in belastenden Momenten oder als liebevolle Begleitung zwischendurch:
Bodymind Grounding High Five
Nutze Deine Hand als Anker:
Daumen: 5 Dinge, die Du siehst
Zeigefinger: 4 Dinge, die Du spürst
Mittelfinger: 3 Dinge, die Du hörst
Ringfinger: 2 Dinge, die Du riechst
Kleiner Finger: 1 Sache, die Du schmeckst
Dann bringe Deine beiden Hände zusammen und klatsche sanft:
✋Bodymind Grounding High Five – Ich bin im Jetzt.
PS: Ein kleiner Trick von Enrico bei hartnäckiger Dissoziation:
Beim letzten Schritt – dem Schmecken – kannst Du die Wirkung verstärken, wenn Du mit etwas besonders intensivem arbeitest: zum Beispiel mit Wasabi, Eukalyptus-Kristallen, Chili-Streifen oder 100 % bittere Schokolade. Auch Ginseng kann aktivierend wirken – aber bitte nicht zu spät am Tag genießen.
Lass Dich ganz auf den Geschmack ein, und zentriere Dich über das sinnliche Erleben zurück in den Moment. Diese kleine Sequenz hilft, Dich im Hier und Jetzt zu verankern und stärkt Deine Präsenz – körperlich, emotional und mental.
Grounding ist keine Aufgabe, die erfüllt werden „muss“, sondern eine Einladung:
Dich selbst zu spüren, präsent zu sein und in Verbindung zu bleiben – mit Deinem Körper, Deiner Umgebung und Deiner inneren Lebendigkeit.
Bodymind heißt: im Körper ankommen, um im Leben präsent zu sein.



