Interventionismus oder Pazifismus? Maske oder Lebensstil?
- Enrico Fonte

- vor 2 Tagen
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Interventionismus und Pazifismus sind nicht nur politische Ideen, sondern Arten, wie wir Konflikten und Frieden in unserem Leben begegnen. Manchmal tragen wir sie wie eine Maske, also als ein Verhalten, das wir anderen zeigen, das aber nicht wirklich aus dem entsteht, was wir innerlich fühlen. Ein anderes Mal werden sie zu einer authentischen Entscheidung, zu einem Lebensstil, der ausdrückt, wer wir wirklich sind.
Zu verstehen, ob wir immer auf Stärke drücken oder immer Konflikte vermeiden, dient nicht nur dazu, unseren Charakter zu beschreiben. Es hilft zu erkennen, ob wir eher aus dem falschen Selbst heraus leben, aus dem Anteil, der spielt, gefallen will oder kontrolliert, oder aus dem wahren Selbst, das präsent handelt, Verantwortung übernimmt und innerer Wahrheit folgt.
Eines der Ziele der Bodymind therapy ist genau das: zu helfen, die Maske von dem zu unterscheiden, wer man wirklich ist, nicht um sich zu verurteilen, sondern um aufzuhören, sich selbst etwas vorzumachen, und wieder in Kontakt zu kommen mit dem Körper, mit den Emotionen und mit der eigenen tiefen Wahrheit.
Diese Unterscheidung ist nicht theoretisch. Oft markiert sie die Grenze zwischen einem Leben, das in Unzufriedenheit, Spannung und dauernder Anpassung gelebt wird, und einem Leben, das näher an Glück, Freiheit und einem echten Gefühl von Authentizität ist.
Historischer Kontext: von si vis pacem, para bellum zu si vis pacem, para pacem
Der historische Kontext hilft zu verstehen, woher diese Ideen kommen und wie sie sich im Lauf der Zeit entwickelt haben. Die Idee, die in der lateinischen Formel si vis pacem, para bellum ausgedrückt wird, hat Wurzeln in der antiken Welt und ist mit der Figur des Vegetius verbunden, einem römischen Autor militärischer Traktate, der zwischen dem 4. und 5. Jahrhundert nach Christus lebte.
In seinen Schriften zur Organisation des Heeres vertritt er die Auffassung, dass eine Gemeinschaft fähig sein muss, sich zu verteidigen, um nicht angegriffen zu werden. Diese Idee lässt sich als Einladung verstehen, frühzeitig vorbereitet zu sein, statt erst dann zu handeln, wenn es schon zu spät ist und es keine wirksamen Schutzmittel mehr gibt.
Auch wenn die Formulierung, die wir heute verwenden, erst in einer späteren Phase der Geschichte verbreitet wurde, findet sich derselbe Grundgedanke bereits bei Autor:innen wie Platon und Cicero. In dieser Perspektive entsteht Frieden aus Stärke, Ordnung und der Fähigkeit, die eigene Gemeinschaft zu schützen. Diese Denkweise entwickelt sich in Gesellschaften, in denen das Überleben tatsächlich davon abhing, äußeren Angriffen standhalten zu können.
Aus diesem sozialen Kontext entsteht das Prinzip der Abschreckung, nach dem man Aggressionen entmutigt, indem man einen Angriff für potenzielle Angreifer:innen zu riskant oder zu kostspielig macht.
Im Verlauf der Geschichte, besonders im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, verknüpft sich dieses Prinzip mit der Lehre vom gerechten Krieg und später mit der Bildung nationaler Staaten. Aus dieser Entwicklung entsteht der Interventionismus, also die Vorstellung, dass der Einsatz von Gewalt oder militärische Intervention als legitim gelten kann, wenn sie als Mittel präsentiert werden, um Sicherheit, politische Ordnung oder bestimmte als wesentlich angesehene Werte zu verteidigen.
Im 20. Jahrhundert wird diese Perspektive mit dem politischen Realismus verbunden, einer Sichtweise, die die Welt als System konkurrierender Mächte versteht und Stärke als notwendige Bedingung zur Aufrechterhaltung von Stabilität betrachtet.
Als Antwort auf diese Denkweise entwickelt sich eine andere Perspektive, die durch die Formel si vis pacem, para pacem ausgedrückt wird. Sie vertritt die Idee, dass Frieden entsteht, wenn Frieden selbst aktiv vorbereitet wird. In dieser Sicht wird Frieden nicht durch Drohung oder militärische Überlegenheit aufgebaut, sondern durch Kooperation, Dialog, rechtliche und soziale Institutionen sowie Beziehungen zwischen Gemeinschaften und Völkern.
Diese Perspektive hat Wurzeln in spirituellen Traditionen, die auf Gewaltlosigkeit ausgerichtet sind, in der Moralphilosophie, im Denken Kants und in pazifistischen Bewegungen, die sich vor allem nach den Weltkriegen in immer stärker strukturierten Formen organisiert haben. In diesem Weltbild ist Frieden nicht das Produkt von Waffen, sondern das Ergebnis geteilter Regeln, kollektiver Verantwortung und gerechterer politischer und sozialer Beziehungen.
Interventionismus und Pazifismus in Politik und Gesellschaft der Gegenwart
Heute bestehen diese beiden Positionen weiterhin nebeneinander und geraten häufig in Spannung. Auf der einen Seite prägt die Logik des para bellum viele Sicherheitsstrategien, militärische Bündnisse und Verteidigungspolitiken. Sie wird als pragmatisch beschrieben, weil die Welt als fragil, instabil und potenziell gefährlich wahrgenommen wird und Stärke daher als notwendige Bedingung erscheint, um Bedrohungen standzuhalten und nicht verwundbar zu bleiben.
In manchen Kontexten kann sich diese Haltung in eine regelrechte Identität verwandeln, in der Realität vor allem als Raum von Angst und dauerhaftem Risiko interpretiert wird und die Vorbereitung auf Konflikt zu einer gewohnten Denk- und Reaktionsweise wird.
Auf der anderen Seite entspricht das heutige para pacem nicht einer naiven oder rein idealistischen Position. Diese Perspektive nutzt konkrete Instrumente wie Diplomatie, Konfliktprävention, internationale Kooperation, geteilte wirtschaftliche Entwicklung und Prozesse der Rüstungskontrolle. Frieden wird hier als Weg verstanden, auf dem Bedingungen geschaffen werden, die Krieg schrittweise seltener und schrittweise weniger notwendig machen.
Zugleich kann auch Pazifismus zur Maske werden, wenn er dazu führt, reale Auseinandersetzungen mit Konflikten zu vermeiden, oder wenn er Machtunterschiede und Verantwortlichkeiten in persönlichen und sozialen Beziehungen ausblendet.
Die zentrale Frage heute lautet nicht nur, welche der beiden Positionen moralisch oder politisch richtig ist. Die tiefere Frage betrifft die Art von Menschen und die Art von Gesellschaft, die aus diesen Entscheidungen hervorgehen.
Ein starres para bellum kann Angst nähren, defensive Haltungen verstärken und soziale Polarisierung erhöhen. Ein unreflektiertes para pacem kann Menschen stärker dem Risiko aussetzen, ausgenutzt zu werden, kann Selbstaufgabe fördern und Konflikte in versteckten oder indirekten Formen auftreten lassen.
In der Bodymind-Perspektive wird es wesentlich zu erkennen, in welchen Situationen Stärke schützt und in welchen sie verhärtet, und in welchen Situationen Frieden Verbindung schafft und in welchen er stattdessen vom Kontakt mit der Realität entfernt.
Psychologische Bodymind-Übersetzung: Stärke, Grenzen, Vertrauen
Wenn man diese Ideen in das persönliche Leben und in Beziehungen hineinträgt, lassen sich sehr ähnliche Dynamiken erkennen. Das innere para bellum betrifft die Fähigkeit, klar Nein zu sagen, die eigenen Grenzen zu schützen und Ärger auf gesunde, angemessene und beziehungsorientierte Weise zu nutzen.
Diese Fähigkeit wirkt wie eine psychologische Form der Abschreckung, weil das Umfeld spürt, dass es eine Grenze gibt, die Respekt verdient. Diese innere Haltung fördert Stabilität, wenn sie ausgewogen, reguliert und in die eigene Erfahrung integriert ist. Problematisch wird sie, wenn sie sich in dauerhafte Abwehr, in tiefes Misstrauen und in einen emotionalen Dauerzustand von Alarm verwandelt.
Das innere para pacem betrifft die Fähigkeit, Vertrauen zu kultivieren, in Dialog zu treten, Konflikte zu verhandeln und Bindung nach Momenten von Spannung oder Bruch wiederherzustellen. Diese Fähigkeit wird tragfähig, wenn sie mit klaren und bewussten Grenzen zusammen existiert. Sie verliert ihre transformative Kraft, wenn sie zu Gefälligkeit, Selbstaufgabe oder zur Illusion wird, Frieden könne nur existieren, wenn jede Form von Konfrontation vermieden wird.
Bodymind-Reife entsteht nicht aus einer endgültigen Entscheidung zwischen Interventionismus und Pazifismus, weder auf Ebene des äußeren Verhaltens noch auf Ebene des inneren Erlebens. Reife nimmt Gestalt an durch fortlaufende Reflexion über die eigene Position, durch Bewusstsein für Kosten, Grenzen und Schattenzonen, die in beiden Wegen des Umgangs mit Konflikt und Frieden enthalten sind.
Die drei Leitfragen für das para bellum
Die erste Leitfrage:
Sie betrifft die Art von Stärke, die aufgebaut wird, und fragt, ob sie wirklich auf Verteidigung ausgerichtet ist oder ob sie bewusst oder unbewusst genutzt wird, um das Gegenüber zu kontrollieren, einzuschüchtern oder den eigenen Willen durchzusetzen. Diese Frage hilft zu unterscheiden, ob die Absicht tatsächlich Schutz ist oder ob sich hinter der Verteidigung ein Streben nach Macht und Dominanz verbirgt.
Die zweite Leitfrage:
Sie fragt, ob Stärke gewählt wird, weil Dialog tatsächlich unmöglich ist, oder weil die Fähigkeiten noch nicht ausreichend entwickelt sind, um Konflikte kooperativ und beziehungsorientiert zu bewältigen. Diese Frage öffnet einen Raum für Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und gegenüber der eigenen Handlungsfähigkeit in Beziehungen und Systemen.
Die dritte Leitfrage:
Sie lenkt den Blick auf die emotionalen, sozialen und relationalen Kosten einer inneren Haltung, die dauerhaft defensiv ist. Sie macht sichtbar, dass schon die innere Bereitschaft, jederzeit zum Konflikt bereit zu sein, den Umgang mit Beziehungen und das Klima des eigenen Lebens verändert, auch wenn Stärke niemals konkret eingesetzt wird.
Die drei Leitfragen für das para pacem
Die erste Leitfrage:
Sie fragt, ob der Frieden, den man sucht, auf klaren Grenzen und auf einer realen Fähigkeit zur Selbstprotektion beruht, oder ob er vor allem von der Hoffnung abhängt, das Gegenüber werde die eigene Verletzlichkeit nicht ausnutzen. Diese Frage hilft zu erkennen, ob man einen starken oder einen fragilen Frieden lebt.
Die zweite Leitfrage:
Sie lädt dazu ein zu prüfen, ob es reale und konkrete Werkzeuge gibt, um Konflikt zu begegnen und ihn zu durchqueren, oder ob Frieden mit Konfliktvermeidung verwechselt wird. Diese Frage stärkt die Fähigkeit, Probleme direkt anzusehen, statt sie zu verschieben oder zu verdecken.
Die dritte Leitfrage :
Sie erkundet die Möglichkeit, handlungsfähig zu bleiben, auch wenn das Gegenüber nicht kooperiert, ohne sich selbst aufzugeben und ohne plötzlich mit Aggressivität zu reagieren. Diese Frage unterstützt eine innere Haltung, die Autonomie, Respekt und Selbstschutz miteinander in Beziehung setzt.
Abschließende Bodymind-Reflexion
Interventionismus und Pazifismus, ebenso wie Stärke und Vertrauen, können zu Masken werden, wenn sie den Kontakt zum eigenen Körper, zu realen Beziehungen und zum konkreten Kontext des eigenen Lebens schwächen.
Sie werden dagegen zu einem Lebensstil, wenn sie als bewusste, verkörperte, flexible und verantwortliche Entscheidungen gelebt werden.
Der Bodymind-Weg lädt dazu ein, Stärke vorzubereiten, ohne sie zu idealisieren, und Frieden aufzubauen, ohne ihn zu einer idealen Abstraktion zu machen. In diese Richtung kann eine Form von lebendigem, geerdetem Frieden entstehen, der sich im fortlaufenden Zusammenspiel von Grenze und Beziehung, von Schutz und Öffnung, von Freiheit und geteilter Verantwortung formt.



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